Kommentar: "Bei Lohnunternehmern wird sich die Spreu stärker vom Weizen trennen."

Steigende Kreditzinsen belasten auch Lohnunternehmen – aber das ist nicht nur ein Nachteil, meint LOHNUNTERNEHMEN-Chefredakteur Jens Noordhof.
Jens Noordhof, Chefredakteur LOHNUNTERNEHMEN

Fast schon im Monatstakt laufen die Meldungen über die „Ticker“, dass die amerikanische Notenbank FED ihre Leitzinsen erhöht. Im Juni waren es plus 0,75 %, Ende Juli folgte der gleiche Sprung noch einmal. Entsprechend attraktiv wird der US-Kapitalmarkt für internationale Anleger, sodass die Europäische Zentralbank notgedrungen nachziehen muss, wenn auch ungern und mit spitzen Fingern. Die erste EZB-Leitzinserhöhung auf 0,5% ist beschlossen, weitere werden vermutlich folgen müssen. Sich Geld zu leihen, wird z.B. für die Euro-Finanzminister also teurer. Besonders die Südachse von Portugal bis Griechenland dürfte damit in arge Bedrängnis kommen, drohende Zahlungsunfähigkeit nicht ausgeschlossen.  

3% Zinsplus noch in 2022? 

Das gleiche Phänomen dürfte vermutlich in Zukunft alle Kreditnehmer, also auch die Lohnunternehmer treffen. Mehr als zehn Jahre „billigen Geldes“ haben viele Dienstleister in Versuchung geführt, sich in einem früher undenkbaren und meines Erachtens hin und wieder in einem wirtschaftlich ungesunden Ausmaß zu verschulden. Nach dem Motto „Geld kostet ja nix“ wurde in dem einen oder anderen Fall sogar vergessen, dass selbst ohne Zinslast die Kreditsumme zurückgezahlt und vorher verdient sein muss. Jetzt ist die Zinswende da. 

Bei einer Verschuldung von 5 Mio. € ist jedes Prozentplus gleichbedeutend mit 50.000 € höheren Zinskosten. Und bei 1 % Steigerung wird es vermutlich nicht bleiben. Kürzlich bestätigte mir ein „Banker“ zu diesem Thema, dass 0,5 % Leitzinserhöhung erfahrungsgemäß mindestens 1 % höhere Kreditzinsen nach sich ziehen. Wenn also der Euro-Leitzins noch in diesem Jahr auf eine Höhe von 1,25-1,5 % anziehen sollte, schlüge das mit bis zu 3 % (Plus!) bei Kreditzinsen durch. Für besagte 5 Mio. € Verschuldung entspräche dies 150.000 €, bei 10 Mio. € Schulden wären es sogar 300.000 €, die 1:1 beim Gewinn fehlen. Das ist ja nicht viel, meinen Sie? Es würde mich nicht wundern, wenn dies mehr ist, als so mancher Lohnunternehmer (bei einer wirklich ehrlichen Vollkostenrechnung) im Jahr verdient. Noch dazu sich Neutechnik in den zehn Niedrigzins-Jahren dramatisch verteuert hat.  

Jetzt gegensteuern 

Unbestreitbar ist: Die höheren Zinskosten werden sich in den Lohnunternehmer-Kalkulationen nicht schlagartig auswirken, denn bestehende Finanzierungen laufen ja weiter. Doch der Aspekt sollte nicht unterschätzt werden. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um die Weichen zu stellen und den Bleistift zu spitzen.  

Ansatzpunkte gibt es dafür viele. Die Verringerung des Fremdkapitalanteils (oder um es positiver auszudrücken: die Erhöhung des Eigenkaptals) ist am nachhaltigsten, dürfte aber am schwierigsten sein. Machbarer zur generellen Anpassung der Finanzierungskosten im Lohnunternehmen ist, die Finanzierungs-Laufzeiten exakter an die voraussichtliche tatsächliche Nutzungsdauer anzupassen oder die Einrichtung einer Kreditlinie, um kurzfristigen Liquiditätsbedarf nicht aus dem teuren Kontokorrent decken zu müssen. Anderer Tipp von Finanzierungsexperten: Vereinbaren Sie zumindest mit Ihren größten Kunden monatliche Abschlagszahlungen oder schreiben zumindest Zwischenrechnungen, das verbessert die LU-Liquidität und schützt Kunden vor der „dicken Ende“, hilft also beiden Seiten. Last but not least: Gehen Sie auf Nummer sicher und setzen bei Finanzierungs-Kalkulationen keine zu hohe Maschinen-Restwerte an – derzeit sind die Preise für Gebrauchttechnik hoch, aber das wird wahrscheinlich nicht auf Dauer so bleiben. Auch hier gilt die Regel der konservativen Kalkulation. Dass im Gegenzug Finanzierer künftig eh höhere Anzahlungen fordern dürften, scheint mir gesetzt. 

Und um noch ein Reizthema anzusprechen, das – nebenbei bemerkt – auch die Finanzdienstleister mit Blick auf die Kreditwürdigkeit ihrer LU-Kunden umtreibt: Dieselkosten bei diesen hohen Preisen in pauschale Arbeitspreise einzurechnen. Die Empfehlung der Experten lautet, diese Kosten 1:1 an die Kunden weiterzureichen. Was in dem Zusammenhang viele nicht auf dem Schirm haben: Pünktlich zum 1. September fällt (nach gegenwärtigem Stand) die Absenkung der Kraftstoffsteuer weg, pro Liter Diesel schlagen dann zusätzliche 10-13 ct zu Buche. Pünktlich zur Maisernte bekommen also Arbeitspreis-Pauschalierer einen weiteren Schlag in die Kniekehle.  

Mit Augenmaß agieren 

Doch alle diese Szenarien haben auch ein Gutes: Dumping-Anbieter und Start-Up-Lohnunternehmer, die beim Berufsschulfach Kalkulation und Vollkostenrechnung gefehlt oder gepennt haben, bekommen es schwer(er). Bei Lohnunternehmern wird sich schon in der näheren Zukunft in wirtschaftlicher Hinsicht die Spreu stärker vom Weizen trennen, wenn sie Rentabilität, Liquidität, Zins- und Energiekosten nicht in den Griff bekommen.  

Vor einigen Jahren habe ich mich mal mit der zugegebenermaßen forschen Einschätzung aus dem Fenster gelehnt, dass bei einer Kreditzinserhöhung von 2 % ein Viertel der deutschen Lohnunternehmer stehend k.o. sei. Über das Ausmaß mag man trefflich diskutieren, über die Tendenz nicht. Und der Zeitpunkt ist jetzt gekommen. Seien und bleiben Sie also bitte kaufmännisch vorsichtig! 

Jens Noordhof, Redaktion LOHNUNTERNEHMEN